Am 4. Juli 2025 wurde in Jasnaja Poljana die Ausstellung „Ihr Herz ist in Russland geblieben“ eröffnet.  Die Ausstellung im Wolkonski-Haus, die dem 100. Jahrestag der Emigration von zwei Tatjanas (Tolstois ältester Tochter und seiner Enkelin) gewidmet ist, zeigt Gegenstände aus zwei Museen: dem Staatlichen Tolstoi-Museum Moskau und dem Jasnaja Poljana-Museum.

Tatjana Lwowna Tolstaja (verheiratete Suchotina, 1864–1950) wurde in Jasnaja Poljana in der glücklichsten Zeitperiode des Familienlebens ihrer Eltern geboren – in den Jahren, als Tolstoi an „Krieg und Frieden“ arbeitete. Sie war eine begabte Künstlerin, eine talentierte und prägende Persönlichkeit. Für ihren Vater war Tatjana eine verwandte Seele und sie hatte Verständnis für Tolstois Lebensansichten. Die Ausstellungskuratoren sagen, dass diese Ausstellung das ganze Leben von Tatjana Lwowna umfasst.

Ihr künstlerisches Talent zeigte sich früh, als sie neun Jahre alt war. Tatjana Lwowna erinnerte sich, dass ihr Interesse für Malerei durch den Besuch von Iwan Kramskoi ausgelöst wurde. In Jasnaja Poljana schuf Kramskoi das Porträt ihres Vaters. Auf Leo Tolstois Anregung studierte Tatjana an der Hochschule für Malerei, Bildhauerei und Architektur in Moskau. Ihre Lehrer waren die Künstler Ilja Repin, Nikolai Ghe, Wassili Perow, Nikolai Kassatkin, Illarion Prjanischnikow und andere.

Wie viele Vertreter des russischen Adels ist Tolstois älteste Tochter nach der Oktoberrevolution emigriert. 1925 wurde sie auf Anregung von Anatoli Lunatscharski auf eine Dienstreise ins Ausland geschickt, um Vorlesungen über Tolstoi dort zu halten. Weder sie noch ihre Tochter vermuteten, dass sie ihr Land für immer verließen. „Ich bin völlig dagegen, dass meine Tochter zu einer Ausgewanderten wird. Die Lage ist sehr schwierig und sowohl vor unserer Reise als auch danach halte ich es für meine Pflicht, in Russland zu leben, Tanja davon nicht wegzureißen“, schrieb Tatjana Lwowna Suchotina-Tolstaja in einem Brief an ihren Bruder Sergej.

Im Ausland besuchte sie viele europäische Kulturzentren und erzählte über ihren Vater und seine Kunst. 1929 eröffnete sie ein Kunstatelier auf der Montparnasse in Paris, wo ausgewanderte Künstler Konstantin Korowin, Iwan Bilibin, Mstislaw Dobuschinski, Boris Grigorjew und andere unterrichteten.

Die Ausstellung in Jasnaja Poljana zeigt zum ersten Mal Tatjanas Briefwechsel mit hervorragenden Künstlern der russischen Emigration: Fjodor Schaljapin, Iwan Bunin, Marina Zwetajewa und anderen.  Ausgestellt werden auch die Briefe der Mitarbeiter des Tolstoi-Museums an ihre Tochter, Tatjana Michailowna Suchotina-Albertini. Zu sehen sind auch Postkarten aus der Sammlung des Jasnaja Poljana-Museums. Eine von denen hat Tatjana an ihren Vater geschrieben, die andere an ihre Mutter.

Die Ausstellung zeigt auch Tatjanas Gemälde und Zeichnungen: ein Skizzenbuch, Selbstbildnisse und ein Porträt ihres Vaters. Einen wichtigen Platz nehmen die Porträts von Tatjana Lwowna, die von Ilja Repin, Nikolai Kassatkin und anderen geschaffen wurden.

Ein Teil der Ausstellung ist dem literarischen Erbe von Tatjana Suchotina-Tolstaja gewidmet. Die Besucher können ihr Buch „Maria Montessori und die Neue Erziehung“ sehen, das 1914 veröffentlicht wurde und eine bibliographische Seltenheit darstellt. In diesem Buch, das aus der Bibliothek von Jasnaja Poljana stammt, ist eine Widmung an ihre Mutter Sofja Tolstaja geschrieben: „An meine liebe Mama. Nicht zum Lesen, sondern aus Respekt. Von der Autorin.“

Das Projekt wird von der Stiftung „Leo Tolstois Erbe“ und der Stiftung für Erbe der Aualandsrussen unterstützt.