Staatliches Leo Tolstois Gut zu Jasnaja Poljana
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Peter Wostokow: „Als Musiker muss man gutmütig sein“

IMG_3437_FotorZum julianischen Weihnachtsfest am 07. Januar 2018 in Jasnaja Poljana fand ein Doppelauftritt des „Großen Jazzorchesters" unter Anleitung von Peter Wostokow statt. So kam da zweimal aufeinanderfolgend Tschaikovskis jazzmäßiger „Nussknacker" zum Klang. Hinterher sprachen wir uns mit Herrn Wostokow aus, um einen Einblick in seine Jazzkarriere, die wichtigsten Mittlertipps zu gewinnen und zu klären, ab wann eigentlich ein Jazzsinn entsteht.

• Können Sie sich noch an Ihren allerersten Bühnenauftritt erinnern ? Wie haben Sie es erlebt ? Und wovon werden Sie nun als bewährter Musiker angeregt ?

Meines allerersten Bühnenauftritts kann ich mich kaum noch entsinnen. Es ist schon zu lange her, da ich bereits mit sechs auf der Musikschule eingeschrieben war. Jedoch kann ich mich ganz gut an das allererste Konzert meines Orchesters erinnern. Bei unserem bescheidenen Erstversuch wurden noch keine ernsthaften Fortführungsabsichten gehegt. Als Trompeter hatte ich mittlerweile schon in mehreren Orchestern mitgespielt und fand daher die Idee reizend, endlich meine eigene Band zu erschaffen. Meine anfänglichen Bedenken, dass dies doch nichts getaugt hätte, waren enorm. Doch bereits bei unserem allerersten Konzertauftritt, bzw. schon bei den ersten einstimmenden Musikklängen, wurde mir auf einmal klar, dass mein frisch gewonnener Spaß auch für immer bleibt. Und so kamen wir immer öfter zusammen, probten gemeinsam und spielten uns wieder erfolgreich bei unserem mittlerweile schon zweitnächsten Konzert ein. Es war vor genau sieben Jahren. Heutzutage habe ich nichts mehr zu befürchten. Bei jedem Konzertauftritt tue ich mein Bestes, um mich so tief in die Musik hineinzuversetzen, um die Intention des Arrangeurs und Komponisten unverfälscht zum Ausdruck zu bringen. Und um dieselbe dann noch genau zu übermitteln, bedarf man eines Wissens, wie es um die Klangfarbe, bzw. die Wiedergabe von Hauptmotiven, am besten bestellt wäre. Und wenn ich mein Orchester leite, investiere ich meine ganze Energie dafür, um auf die erwünschte Klangfarbe zu kommen.

• In Ihren mit dem Engagement Ihres Großen Jazzorchesters zusammenhängenden Äußerungen pflegen Sie es zu betonen, Sie wären ein Gleichgesinntenbund. Worauf legen Sie denn als Bandleiter Ihren größten Wert ? Sind es ausgeprägte Anpassungsfähigkeit Ihrer mitwirkenden Orchesterspieler oder eher deren Talent ?

Die beiden Gegenpole sehe ich lieber geeint, denn bei einer Jazzdarbietung sind sie gleichwertig. Und selbst wenn man kein Solist ist und im gemischten Orchester mitspielt, ist daraus die subjektive Komponente nicht wegzudenken. Meine Berufskollegen mag ich mögen oder respektieren, so lege ich darauf viel Wert. Nur mit netten Kollegen lässt es sich austauschen und Kontakt knüpften. Bei unserer nervenaufreibenden Programmaufstellung steht die Anpassungsfähigkeit unwahrscheinlich hoch im Wert, da man die Vorgaben auf eine bestimmte oder doch umgewandelte Art doch möglichst präzise ausführen möchte. So gelangte ich mittlerweile schon zur Überzeugung, dass ein guter Musiker und eine nette Person meist synonym sind. Hingegen ist man dabei der Meinung, dass es einem guten Musiker durchaus genügt, von seinem Talent Gebrauch machen zu können und es nicht mehr nötig zu haben, einigermaßen wohlerzogen zu sein. Ich stelle es trotzdem in Frage, da ich in der Hinsicht nicht die einzige Person kenne, die mir das Gegenteil beweist. Es muss doch bestimmt auf der Welt welche Musiker geben, die mir persönlich unangenehm und dabei doch begnadete Trompeter und Saxophonisten, sprich rein künstlerisch hochbegabt sind. Aber ich selbst kann davon keinen Gebrauch machen. Ich war schon von vorne herein auf die Kollegen angewiesen, die mir sympathisch sind und mit denen ich eine gemeinsame Sprache sprechen wollte. Wenn sich mein Orchester erst in Ansätzen befand, kam seine gute Hälfte aus meinen frühren Freunden zusammen, bzw. denjenigen, mit denen ich einst mitgespielt oder sonstige gemeinsame musikalische Vorhaben betrieben hatte. Kein Wunder, denn laut Partitur war da eine bestimmte Anzahl an Trompetern, Posaunenbläsern und Saxophonisten erforderlich. Doch ausgerechnet jenem denkwürdigen Entstehungsjahr entstammte auch mein Dozentenengagement für die Moskauer Gnessiner Musikakademie, deren Studenten ich heutzutage noch bei mir gerne willkommen heiße. Zur Zeit beköstige ich vier Trompeter, von denen zwei noch bei mir in der Ausbildung gestanden haben. Selbstverständlich werden wir alle von unserer Jazz-Begeisterung angeregt. Heben sich dabei meist konventionelle Musikformen heraus, so erstellen wir aber auch völlig alternative Konzertangebote, die nicht jedem Orchesterspieler gefallen wollen. Dann übernehme ich völlig selbstherrlich die Entscheiderkompetenz und arbeite bewusst auf unseren Einheitstrend hinaus.

• Es ist doch allgemein bekannt, dass die fest angestellten Jazzmusiker auch noch von den auswärtigen Bands engagiert werden. Ob dabei nicht eine Interessenkollision oder Konkurrenzkampf zu befürchten seien ?

Nein, und dies gilt mittlerweile schon als Faustregel. Zum Glück wird das Jazzambiente kaum durch den Konkurrenzkampf gestört. Zu diesem Schluss komme ich daher, dass wenn es wirklich der Fall wäre, so käme dadurch auch unsere Arbeitsqualität zu Schaden, was zum Glück doch nicht zutrifft. Was aber unseren musikalischen Elan anbelangt, so sind wir angehende Künstler und möchten viel glänzender spielen als alle anderen oder denen zumindest beweisen, dass wir genauso leistungsfähig wie bestandene Musiker sind. Dabei zerbrechen wir uns die ganze Zeit den Kopf, wie wir das Publikum davon am besten überzeugen könnten. Denn die Zuschauer sind oft zu voreingenommen, was die bewährten Künstler anbelangt, sodass sie meistens viel zu gutmütig mit ihnen meinen und deren Renommee lieber gar nicht in Frage stellen. Als lautere Herausforderung sehe ich es als durchaus positiv, denn im Falle, wenn man beweisen möchte, dass man genau so gut wie die Senioren ist, muss man viel glänzender spielen, um den Unterschied erkennbar zu machen. Und so bleibt es uns als einzige Lösung, dass wir ausgesprochen gut spielen. Es ist doch klar, dass jeder Konzertauftritt ganz unterschiedlich ausfällt, jedoch im Großen und Ganzen müssen wir ständig große Klasse zeigen. Das Gute daran ist nur, dass wir dadurch motiviert und künstlerisch und beruflich bewährt werden.

• Wie schaut Ihr Publikum aus ? Welches Erscheinungsbild weist es auf ?

Einmal bin ich schon gebeten worden, es genau zu beschreiben. Da meinte ich, es wäre ein reizendes junges Fräulein in einem T-Shirt mit Aufschrift: „Mein Größtes Jazzorchester". (Lacht). Es steht jedoch fest, dass wir auch von völlig unterschiedlichen Altersgruppen aufgenommen werden und dass der russische Jazz-Freundeskreis ein ganz gemischtes Volk ist. Ganz ausgeprägt hebt sich dabei zwar eine betagte Seniorengemeinschaft heraus, deren Jazz-Vorlieben wir gerne aufgreifen, die jedoch keineswegs für die Präferenzen unseres Grundpublikums sprechen. An sich schon ist es bemerkenswert, dass unsere ganz jungen Jazzfreunde gerne meinen, die Jazzstücke aus den 1930ern wären nur von den 90-jährigen begehrt. Damit meine ich nur, dass wir uns in unseren Konzerten doch meist auf die jüngeren Zuhörer angewiesen sind, wobei aber auch fortgeschrittenere Altersinteressen mitberücksichtigt werden. Und weil dazu noch unser Erscheinungsbild durch ausgesprochen männliche Besatzung zur Geltung kommt, so wird unser konventionelles Publikumsbild ausgerechnet von weiblichen Figuren geprägt. Auf Ihre Frage lautet also meine Antwort wie folgt: egal, ob in Moskau oder in der Provinz, wird unser typisches Publikumsbild von wahren Musikfreunden gekennzeichnet, die viel Wert auf gute Musik und Kunst legen und dabei noch ihren Spaß haben möchten. Und ein Alter und sozialer Stand spielen dabei gar keine große Rolle. Wir sind für jedermann da.

• Dabei hängt doch die Jazz-Eigenart ausgerechnet mit der amerikanischen, bzw. der westeuropäischen, Musiktradition zusammen. Hätten Sie sich vielleicht schon mal mit dem Gedanken getragen, Ihre Laufbahn etwa nach auswärts umzulenken ?

Es versteht sich von alleine, dass jeder Musiker sich mit einer möglichst großen Publikumsanzahl gerne austauschen möchte, seien es eigene Landsleute oder international unterrichtete Weltbürger. Das eine schließt das andere nicht aus. Wir würden uns sehr freuen, auf ganz authentische Weise auch in der eigentlichen Jazz-Heimat willkommen geheißen zu werden, und hoffen, dass dies eines Tages auch noch in Erfüllung geht. Ja, wir tragen uns mittlerweile schon mit solchen Gedanken und wünschen uns, dass sie wahr werden.

• Mittlerweile wurde es schon von Ihnen angemerkt, dass Sie sich als Gastdozent für die Moskauer Gnessiner Musikakademie engagieren. Wie schaut denn Ihr eigenes dabei zum Vorschein kommendes Lehrerbild aus ?

Als völlig unpädagogisch. (Lacht). Als ich 18 war und doch schon mal an einer Musikschule lehrte, wurde mir ganz klar, dass ein Lehramt nicht mein Ding ist, dass ich mich gar nicht für Kinder begeistere, insofern ich weder pädagogische Veranlagung noch kinderliebende Präferenzen an den Tag lege. Allerdings für die Moskauer Gnessiner Akademie stehe ich schon seit acht Jahren im Einsatz und habe dort zum Glück nur mit erwachsenen Studenten zu tun. Am liebsten würde ich mich doch mit meinen Altersgenossen zusammentun, wobei meine heutigen Schüler auch nicht viel jünger sind als ich. Das sind bestandene Persönlichkeiten, die ganz genau wissen, was Sie im Leben zu erreichen haben. Ein Hochschuldozent wäre aus meiner Sicht nur ein guter Berater. Ich nehme bloß die Leistungsfähigkeit meiner Studenten unter die Lupe, mache ihnen Vorgaben und stehe ihnen gerne zur Seite. Die meisten von ihnen haben sich mittlerweile schon im Berufsleben bewährt, viele haben eigene Familien und leben sich dessen voll bewusst, was auf sie in diesem Leben ankommt. Ich selbst bin der gleichen Auffassung und übe also die Einstellung konsequent aus. Dabei gibt es noch diejenigen, die gar nichts, bzw. nicht belehrt werden, wollen. Hingegen gibt es diejenigen, die doch ständig unterweisen werden müssen. Es kommt darauf an. Ich will nur ihnen übermitteln, was ich selbst im Griff habe. Meine Aufgabe wäre es nur, ihnen meine Gedankengänge und mein Wissen möglichst plausibel beizubringen. Dabei bin ich gar kein guter Lehrer. Ich erbringe keine didaktischen Grundsätze und gebe keine Lehrbücher in Druck. Dazu habe ich keine Zeit und ehrlich gesagt auch keine Lust.

• Sie sind als großer Musikfreund des angehenden XX. Jh. berühmt. Und für welches Zeitalter im Hinblick auf die Dicht- und Filmkunst stehen denn Ihre weiteren Vorlieben ?

Mir macht es keinen großen Unterschied. Ich hänge genauso an anderweitig datierten Kunstrichtungen, Lebenseinstellungen und Menschentypen. Sowohl in der Musik als auch in der Filmkunst. Ich liebe alte Streifen der 1930er bis 1940er Jahre, wie z. B. „Casablanca". Genauso liebe ich Filmkunst und Musik der 1980er und der angehenden 1990er Jahre, weil ich deren bedeutenden Stücke sehr ergreifend finde. Man braucht nur „Forrest Gump" oder die besten Streifen mit Michael Douglas in den Hauptrollen ins Gedächtnis zu rufen.

• Und welche Werke mögen Sie denn in der Dichtkunst gerne leiden ?

Ganz ehrlich bedeutet mir Lesen zu viel Zeitaufwand, so würde ich doch Ihnen durch meine Antwort kaum Aufschluss geben. Am liebsten recherchiere ich in den fachmännischen, meist englischsprachigen Nachschlagewerken.

• Und zum Schluss noch die allerletzte Frage. Welchen Rat könnten Sie als bewährter Jazzfreund einem Kulturbanausen geben, der sich aber gerne mit Jazz anfreunden möchte ? Ab wann darf denn sein frisch gewonnener Jazzsinn als bestanden anerkannt werden ?

Das Grundprinzip, das auch für alle anderen Kunst- und Musikgattungen gilt, lautet, dass man sich zur Einstimmung lieber der begehrtesten Kunststücke bedient, wobei uns allen da seit alters her berühmte Spitzenleistungen zur Verfügung stehen. Also würde ich da ausgerechnet bei den populärsten Meisterwerken anfangen. Dafür haben sich die größten Repräsentanten wie Louis Armstrong, Duke Ellington, Miles Davis, Charlie Parker und Dizzy Gillespie Namen gemacht. Und um mich noch genauer auf den Punkt zu bringen, gebe ich ihnen zu bedenken, dass beim Jazz die herausragendsten Meisterwerke mittlerweile schon mit deren in Umlauf gebrachten und weitgehend beliebt gewordenen Aufzeichnungen vollkommen im Gleichklang stehen.
 
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