Staatliches Leo Tolstois Gut zu Jasnaja Poljana
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Alexej Utschitel: „Bei „Anna Karenina“ bin ich mit Leib und Seele“

DSC_1280Am 16. Dezember 2017 hat der Filmregisseur Alexej Utschitel seinen aufsehenerregenden Spielfilm „Matilda" vorgestellt. Zum Schluss nutzten wir noch die Gelegenheit, den Filmemacher über seine fachspezifische, direkt mit dem Museumsbetrieb zusammenhängende Dreherfahrung, bzw. über seine Auffassung von „Anna Karenina", direkt zu befragen.

• Erst gerade haben wir Ihr neuestes Filmwerk vor Augen geführt bekommen. Wenn Ihnen die unvermittelte Publikumsrezeption etwas bedeutet, möchten wir Sie uns nun kurz andeuten, was Sie von dieser Rückmeldung halten.

Durch persönliche Zuschauerbegegnungen nehme ich direkt zur Kenntnis, welche Knacks ich in meinem Film angerichtet habe, bzw. was vom Publikum nicht aufgenommen wurde, und was unecht oder doch ganz gut geraten ist. Es ist eine günstige Gelegenheit, um sein eigenes unvoreingenommenes Gutachten zu erbringen, da die Kritikerurteile oft unobjektiv sind, insofern sie nicht immer auf die lautere Filmqualität Bezug nehmen. So bieten mir die ungekünstelten Zuschauerrückmeldungen eine zuverlässige Selbstbewertungsrundlage.

• Ihr Filmdreh kam im musealen Schlossambiente, bzw. in den St.-Petersburger Palästen von Alexander und Katharina, zustande. Welche Erfahrungen haben Sie da gemacht ?

Unser Filmdreh fand in fast allen St.-Petersburger Museumsschlössern statt, ausgenommen der Winterpalast. Und selbst das Mariinski-Theater stellte mir seine einzigartige Bühne zur Verfügung. Im Museumsambiente einen Filmdreh abzuwickeln ist eine ganz raffinierte Sache. Da wird es einem klar, dass die vorhergehenden dazugehörigen Vorhaben meiner Berufskollegen nicht immer auf dem Niveau gewesen wären. Dazu noch ergibt sich mitunter eine eher gereizte Reaktion der Museumsaufpasser. Ihre Aufsicht ist immense ! Als wir im Zarendorf drehten, traten uns der stellvertretende Museumschef höchstpersönlich und so gut wie alle seine Berufskollegen auf die Füße.

• Es hört sich doch recht spannend an !

So drehten wir im Alexanderschloss zum Zarendorf eine sehr verwickelte Szene mit einem langatmigen Durchgang. Man sieht da, wie ihn Nikolaus II. samt seines Minister- und Beamtengefolges durchwandelt und dabei den aktuellen Seehafenbau bespricht. Beim Gespräch passiert man eine Zimmerflucht, wobei eine riesige auf dem Podest stehende Marmorvase ins Auge fällt. Unsere dies aufzunehmende Kamera war dabei auf einem mit Gummirädern versehenen Karren befestigt. Mit anderen Worten hätten wir da um die Vase offensichtlich einen Umweg nehmen müssen. Doch bei einer Wiederholungsaufnahme hatte das Schubkarrenpersonal mit Bewegungsrichtung schlecht aufgepasst und prallte gegen die Podeststütze, von der zum allgemeinen Entsetzen ein Splitter abging.

• Hätten Sie da die Situation retten können ?

Es war sofort eine Katastrophe ! Die miteinbezogenen Museumsaufpasserinnen wären beinahe in Ohnmacht gefallen. Der Einen wurde schlecht, die Anderen heulten lauthals. Dann wurden wir rausgeschmissen. Speziell dazu war ein mehrköpfiger Ausschuss zusammengerufen worden, um uns einen riesigen Schadensersatz in Rechnung zu setzen. Letztendlich hätte sich doch die Aufregung zur allgemeinen Zufriedenheit gelegt. Das beschädigte Museumsstück haben wir gut restaurieren können. Ich will nur darauf hinaus, dass ich die musealen Dreharbeiten kaum auf die leichte Schulter nehme.

• Und wenn Sie doch als freiwilliger Museumsbesucher angesprochen wären, welche Museen besuchen Sie denn gerne ? Oder andersrum, was beeindruckt Sie in Museen am meisten ?

Ehrlich gesagt, gehe ich ungern ins Museum. Offensichtlich habe ich es mir in den letzten vier Jahren abgewöhnt, insofern ich über alle Maßen beruflich eingespannt bin. Aber mir fällt sofort auf, wenn etwas aus der Reihe tanzt. So ist vor einiger Zeit in Moskau ein Museum des russischen Impressionismus eröffnet worden. Auf einem Besuch erblickte ich dort ein Michael Schemiakin gewidmetes Poster und fragte ganz unbefangen, ob etwa Michael Schemiakin auch als Impressionist berühmt wäre. Dazu erhielt ich eine ironische Aussage, dass aber sein vollständiger Namensbruder dazu noch da ist, der seinerseits als lauter Impressionist fungiert. Das hätte mich fast sprachlos gemacht.

• Und welche einprägsame Erfahrung möchten Sie denn in unserem Jasnaja Poljana gemacht haben ?

Bei meinem letzten Aufenthalt in Jasnaja Poljana habe ich mich durchs Dichterambiente vom Tolstois Ururenkel und Museumsdirektor Vladimir führen lassen. Er berichtete mir über den jüngsten, als kleinen Iwan benannten, Dichtersohn und seinen frühen Kindertod. So tragisch seine Geschichte auch klingen mag, um so deutlicher kommt sie mir als brauchbare Filmgrundlage vor. Denn ausgerechnet dadurch wird die Schnittstelle aller berühmt berüchtigten Dichterauseinandersetzungen mit seinen Familienangehörigen erkennbar, die der eklatanten Tolstois Flucht und dem Tod zu Grunde lagen. Jasnaja Poljana finde ich insofern sehr spannend, weil hier alle möglichen filmrelevanten Vorhaben nicht nur dem zu besichtigenden Dichterambiente, sondern auch Ihrem ganz aktuellen Museumsbetrieb entnommen werden können.

• Möchten Sie denn darauf hinaus, dass Ihnen der verwickelte Lebenslauf von Leo Tolstoi trotzdem am Herzen liegt ?

Na klar ! Und vom Paul Bessinskis Dokumentarroman „Tolstois Flucht aus dem Paradies" war ich so ergriffen, dass ich mich gleich mit ihm zusammentraf, um ein mögliches vereintes und Tolstoi geweihtes Filmvorhaben abzusprechen. Jedoch steht dessen Erfüllung noch in Ansätzen.

• Können Sie nun auf Anhieb ein bestimmtes Tolstois Werk angeben, das Sie gern verfilmen möchten ?

Sollte ich etwa vor eine prompte Wahl gestellt werden, so würde ich gleich auf „Anna Karenina" tippen. Das ist eine so ergreifende Liebesgeschichte, intensiv wie auch sehr erotisch. Das Gefühl habe ich mittlerweile schon seit mehr als 10 Jahren, und es packt mich immer wieder aufs Neue. Alle Romanfiguren wie auch Anna selbst stehen mir ganz deutlich vor Augen. Selbst in meiner „Matilda" wollte die ergreifende Pferdesturzszene klar zur Geltung kommen. Und selbst wenn es von mir nur unbewusst erahnt wurde, so will es doch durchaus stimmen.

• Und zum Schluss noch unsere allererste Frage, was doch unter den sämtlichen Tolstois Figuren Ihnen am meisten am Herzen liegt ?

In der Dichtkunst fasse ich eben ganz natürlich die weiblichen Figuren auf. Und Anna Karenina bildet da keine Ausnahme. Das ist eine Protagonistin, die gleichzeitig von den beiden gegensätzlichen Polen, bzw. in einer sowohl durchaus positiven wie doch auch ganz negativen Hinsicht, aufgefasst werden kann. Und ausgerechnet diese ambivalente Bewertungsart spricht mich an. Am Rande des Abgrunds stehend hat sie noch ihre wichtigste lebensrettende Entscheidung zu treffen, um sie doch letztendlich ganz fallen zu lassen. Es scheint mir ein grausamer Gemütszustand zu sein, wenn man ganz auf sich selbst gestellt ist, um entscheiden zu müssen, welche Richtung man einschlägt, um sein eigenes Glück und das Wohlergehen seiner Nächsten nicht zu beeinträchtigen. In meiner „Matilda" sollte selbst der russische Kaiser seine harte Wahl treffen, die rein menschlich fast unfassbar ist. Daher ist Tolstois „Anna Karenina" ein Kunstwerk, das mir aus der Seele spricht.




Das eigentliche, bzw. als Videoaufnahme und Hördatei aufgezeichnete Gespräch von Alexej Utschitel mit unseren Tolstois Zuschauern seines o.a. Spielfilms ist unserem eigenen YouTube-Kanal>>>, bzw. dem SoundCloud>>>, (beides in Russisch !) zu entnehmen.

 
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